Mythos Pilgerschaft

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Mythos Pilgerschaft - Wallfahrten der Weltreligionen

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Buen Camino!

Gedanken eines Pilgers

Mythos Pilgerschaft -

Wallfahrten der Weltreligionen

 

Von Bernd Koldewey (Text/Fotos)

 

Schon seit Urzeiten pilgern die Menschen zu ihren Märtyrern und Heiligtümern. Seit tausenden von Jahren gibt es den Mythos der heiligen Wallfahrt (Pilgerschaft), die zu den Pilgerstätten ihrer Heiligen führen. Im Christentum, Judentum und im Islam huldigen und verehren Pilger an den Gräbern und Schreinen die Gebeine und Reliquien der Heiligen.

 

Mythos Pilgerschaft

 

Bis in unsere heutige Zeit hinein gibt es dieses Phänomen der Pilgerschaften, bei den Christen sind es die drei großen heiligen Stätten Jerusalem, Rom und Santiago de Compostela, Orte der Verehrung besonderer Heiligen. Die Tradition der Pilgerschaft gibt es schon seit Tausenden von Jahren. Auf der ganzen Welt gibt es Heiligenverehrungen, die Millionen von Pilger bewegen, ihre Heiligen zu besuchen und zu verehren. Dabei besuchten Pilger nicht nur wie heute in Europa Kathedralen, Kirchen und Kapellen, sondern auch Tempelanlagen, Moscheen, Höhlen (Grotten) und Heilige Berge. Schon früh gab es in den alten Kulturen unserer Erdgeschichte Kult- und Opferstätten, Bergheiligtümer, Kultfelsen und Kulthöhlen, die von ihren Anhängern verehrt wurden. Die Zeiten der Kelten, Altsachsen und anderer Germanenstämme hatten ihre Heiligtümer meistens auf einem Hügel. Wie beispielsweise das Sachsenheiligtum, die Irminsul, ein Weltenbaum und Baumheiligtum. Auch in biblischer Zeit gab es heilige Orte und Kultstätten wie z.B. die Pyramiden, die bis heute ihre Faszination nicht verloren haben. Ob es die Orte der alten Propheten waren oder die Orte Jesus Christus, alle verbinden, dass der Glaube bis heute lebendig ist.

 

Einmal im Leben nach Mekka. So heißt es für jeden gläubigen Moslem, dass es im Islam für jeden eine religiöse Pflicht ist, einmal an der Pilgerfahrt, der Haddsch, teilzunehmen. Bei der alljährlichen Wallfahrt und Pilgerzeremonie drängen sich dicht an dicht die Gläubigen, beten und umrunden die Kaaba, das zentrale Heiligtum, eines der fünf Säulen des Islams, siebenmal gegen den Uhrzeigersinn. Das altehrwürdige Mekka, die Geburtsstadt des Propheten Mohammed, liegt in Saudi-Arabien, mit Medina und Jerusalem die wichtigsten religiösen Wallfahrtsorte des Islams.

 

Abraham, der Stammvater vieler Völker, die des Judentums, Christentums und des Islams, hatte auf seiner langen Reise von der Stadt Ur in Chaldäa (Mesopotamien) über die heutige Türkei bis nach Kanaan, das Gelobte Land, auch nach Mekka den monotheistischen Glauben gebracht, dass es nur einen einzigen Gott gibt, den Gott aller Völker. In der Höhle Machpela in Hebron (Westjordanland) liegen die Gebeine Abrahams, Saras, Isaaks, Rebekkas, Jakobs und Leas. Das Grab der Patriarchen, wie es genannt wird, ist für Juden, Muslime und Christen ein Heiligtum.

 

In den biblischen Überlieferungen findet man viele Berichte über heilige Wander- und Pilgerschaften, sowohl im Alten wie auch im Neuen Testament. In biblischen Zeiten waren die Menschen noch nicht so sesshaft wie wir heute, sie waren Nomaden und zogen als Hirten mit ihren großen Schaf- und Ziegenherden übers weite Land. Im zweiten Buch Mose (Exodus) liest man vom Auszug aus Ägypten, als Moses die Israeliten 40 Tage lang durch die Wüste führte und von dem jahrhundertelangen Joch der Pharaonen befreite. Es ist die ursprüngliche Form einer Pilgerreise zum Heil und wie das Unterwegssein den wahren Glauben stärkt und bindet.

 

 

In der Pilgerschaft geht es sicherlich nicht nur darum, dass man die Heiligen Stätten besucht und verehrt, sondern vielmehr darum, dass man durch sein Unterwegssein seinen Glauben stärken und festigen kann. Über das Gottvertrauen haben oder zu bekommen, liest man im Buch der Psalmen. Schöner Bibeltext, aus dem Psalm Davids „Der gute Hirte“ (Psalm 23.4)

 

Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal,

fürchte ich kein Unglück;

denn du bist bei mir

dein Stecken und Stab trösten mich.

 

Auch im Neuen Testament lassen sich genügend Hinweise finden, die auf die Pilgerschaften der Juden und Christen verweisen. So die des Jesus Christus, den Erlöser und Gottes Sohn, der mit seinen Jüngern am jährlichen Passahfest in Jerusalem mit Palmenzweigen und auf einem Esel einzog und empfangen wurde, hier begann für ihn sein Martyrium. Das Passahfest, ein großer jüdischer Feiertag (Familien- und Wallfahrtsfest), erinnert zu Zeiten Jesu an die Befreiung der Israeliten durch den Auszug aus Ägypten. Nach Jesus Tod und Auferstehung ist Jerusalem die geistige und religiöse Festung christlicher Pilgerschaft. In Zeiten der christlichen Kreuzzüge versuchten Christen mehrmals Jerusalem für sich zu gewinnen. Heute ist Jerusalem die Stadt der drei Weltreligionen.

 

 

Eine Pilgerschaft im Namen „Peregrinatio religiosa“ bedeutet soviel wie: Ein religiöses Unterwegssein, ein Leben in der Fremde mit Gott. Jerusalempilger erkannte man am mitgebrachten Palmenzweig. Rompilger hatten als ein Pilgerzeichen den Petrusschlüssel oder das Kreuz. Der Jakobspilger wird im spanischen „Peregrino“ genannt, ein Fremder der nach Santiago de Compostela pilgert und über Acker und Felde kommt. Als Pilgerzeichen dient bis heute die Jakobsmuschel. Alle Symbole wie Pilgertasche, Hut und Stab sind besondere Zeichen der Ehrerbietung der Wallfahrt und des Weges zu den Heiligen.

 

Mittelalterlicher Pilgersegen für die Pilgerschaft nach Santiago de Compostela

 

„Im Namen unseres Herrn Jesus Christus. Nimm diese Tasche als Zeichen deiner Pilgerschaft, damit du geläutert und befreit zum Grab des heiligen Jakobus gelangen mögest, zu dem du aufbrechen willst, und kehre nach Vollendung deines Weges unversehrt mit Freude zu uns durch die Hilfe Gottes zurück, der lebt und herrscht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen."

 

"Nimm diesen Stab zur Unterstützung deiner Reise und deiner Mühe für deinen Pilgerweg, damit du alle Feindesscharen besiegen kannst, sicher zum Grab des heiligen Jakobus gelangest und nach Vollendung deiner Fahrt zu uns mit Freude zurückkehrest. Dies gewähre Gott selbst, der lebt und herrscht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

 

Wer kennt nicht den Jakobsweg, einer von den drei großen christlichen Pilgerwegen, der zu einem der großen Wallfahrtsorte der Christenheit führen. Der größte Pilgerweg führt nach Jerusalem, die Stadt in der Jesus Christus wirkte und gekreuzigt wurde. Rom am Ufer des Flusses Tiber ist die zweitgrößte Pilgerstätte, hier befindet sich der Vatikan, Sitz des Papstes. Im Petersdom liegen die Gebeine der Apostel Petrus und Paulus. Zu allen drei gibt es jährliche Wallfahrten, Menschen aus allen Regionen der Erde besuchen die Heiligen Orte.

 

Mythos Jakobsweg

 

In den letzten Jahren nahm die Anzahl der Pilgerschaften zu. Es sind Männer, Frauen, Familien, Berufstätige, Studenten, Rentner und Arbeitslose, sie kommen aus allen Schichten der Gesellschaft. Sie kommen aus ganz Europa und anderen Kontinenten.

 

Die meisten, die auf dem Jakobsweg unterwegs waren, kommen völlig gewandelt nach Hause zurück. Sie haben etwas gewonnen und erfahren, ihr Selbstwertgefühl ist gestiegen und sie haben die Faszination des Weges für sich entdecken können. Noch ist es möglich auf dem Jakobsweg abzutauchen, um die einzigartige Naturlandschaft und die unterschiedlichen Kulturen kennen zu lernen. Man lernt, sich selbst nicht mehr so wichtig zu nehmen. Zu Fuß und mit Rucksack ist man den Elementen ausgesetzt, meistens geht es auf einsamen Pfaden durch eine unberührte Natur. Es ist schon bewegend, wenn sie Autolärm und Abgasen oder dem Lärm der Großstädte entfliehen und stattdessen dem Klang der Natur folgen.

 

Menschen in der Pilgergemeinschaft, auch das ist ein Grund sich auf den Jakobsweg zu begeben. Wer neue Freunde kennen lernen möchte, ist sicherlich auf dem Jakobsweg auf dem richtigen Weg. Wer auf den großen Hauptrouten unterwegs ist wie z.B. in Frankreich auf der Via Podiensis oder in Spanien auf dem Camino Francés, trifft auf eine große Pilgergemeinschaft der Toleranz. Jeder Pilger ist sozusagen auch für den anderen da, es sind Freunde und Gleichgesinnte, die einem in der Not helfen und Trost spenden. Der Jakobsweg ist der Spiegel des Lebens, der Erkenntnisse und der Emotionen. Tag ein und Tag aus sammelt man neue Erfahrungen, man kommt an seine Grenzen.

 

 

 

Schon seit dem Mittelalter (um 830) verbindet der Jakobsweg Europa miteinander, die Wallfahrten nach Santiago de Compostela im weit entfernten Galicien waren von jeher ein Pilgerweg der christlichen Frömmigkeit. Adlige, Ritter, Ordensleute, Abenteurer und Arme pilgerten in ihrer festen religiösen Gesinnung nach Spanien. Genau wie heute wanderten sie alleine oder in kleinen Gruppen. Es war eine nicht ungefährliche Reise, die so manches Mal beendet war, bevor sie Santiago erreicht hatten. Auf den unwegsamen Wegen lauerten viele Gefahren, Hunger, Durst und Krankheiten und nicht zuletzt durch Räuber und Wölfe scheiterte die Reise. Auch bei Unwetter und Hochwasser und den Flussüberquerungen waren die Pilger stets Gefahren ausgesetzt.

 

Es waren Dank-, Bitt- und Sühnewallfahrten, die in einer Zeit der Reliquienverehrung zum Grab des Apostels Jakobs führten. Viele Monate waren sie unterwegs, sie waren Fremde, reisende Menschen, die in ihrem festen Glauben und in der Hoffnung nach Antworten suchten. Die Jakobsmuschel am Hut, Mantel oder auf der Brottasche war das Zeichen für Jakobspilger. Sie hatten einen besonderen Status und wurden geschützt. In Städten und Dörfern gab man ihnen etwas zu essen und eine angemessene Übernachtung.

 

Im Laufe der großen Pilgerschaften (11.-14. Jahrhundert) gab es immer mehr Klöster, Hospize und Herbergen, die am Jakobsweg lagen, auch Flüsse konnten über sichere Brücken überwunden werden. Der Pilgerboom dauerte über Jahrhunderte an, erst die Reformation durch Luther und Calvin brachte die Wallfahrten zum Erliegen. Der bis dahin andauende Pilgerboom auf dem Jakobsweg geriet im 15./16. Jahrhundert ins Abseits, doch zum Ende des 19. Jahrhunderts bestätigte Papst Leo XIII. die Echtheit des Apostelgrabs, daraufhin setzte eine erneute Pilgerbewegung ein, die bis heute andauert.

 

Heute im 21. Jahrhundert ist der Jakobsweg „Kult“ und vereint die Europäer. Eine Vernetzung findet fast in jeder europäischen Stadt statt. Eine Entwicklung, die zunimmt und zum Nachdenken anregt. Warum sind es so viele, was ist passiert? Ist es nur eine Selbstfindung seiner selbst oder auch aus einer Religiosität heraus. Die Antwort darauf kann sich nur jeder selbst geben. Aber Tatsache ist, dass es jedes Jahr mehr werden. Sie kommen aus ganz Europa und anderen Kontinenten und alle haben das gleiche Ziel, sie wollen Santiago de Compostela erreichen. Sie pilgern alleine oder in Gruppen, dabei tauschen sie sich aus und tragen so dazu bei, dass sich Menschen aus verschieden Nationen näher kommen. Europa wächst zusammen und wird immer friedlicher, man findet Gemeinsamkeiten, die verbinden und der Jakobsweg trägt dazu bei.

 

 

Das Ziel ist erreicht - und dann? Wer einmal Santiago de Compostela erreicht hat, wird bestätigen, dass dies nicht das Ende einer langen Pilgerreise ist, sondern der Anfang einer neuen Erkenntnis. Ein Neuanfang! Der Jakobsweg und das Unterwegssein gaben vielen Pilgern einen neuen Lebensinhalt.

 

Buen Camino!

 

Herne, September 2013

 

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