Der Naturpark Morvan

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Der Naturpark Morvan - Die grüne Lunge Frankreichs

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Buen Camino!

Auszug aus dem Buch

Aufbruch nach Santiago - Band I

Der Naturpark Morvan - Die grüne Lunge Frankreichs

 

Von Bernd Koldewey (Text/Fotos)

 

Von Vézelay aus begleitete mich mein Freund Rüdiger vier Tage lang durch den Morvan, eine dünn besiedelte Region, die geologisch zum Massif Central gehört. Es geht nach Süden Richtung Château-Chinon und Le Puy en Velay. Ich pilgerte mit 20 Kilo Gepäck auf dem Rücken, darunter ein Zelt, das zwei Personen einen engen, aber hinreichenden Schlafplatz bietet. Aus Gründen der Unabhängigkeit und auch um Kosten zu sparen wird in der freien Natur übernachtet, gelegentlich auch auf Campingplätzen.

 

St. Madeleine in Vézelay

Das Innere der Basilika...

 

Am 22. Mai brechen wir gegen Mittag von Vézelay auf. Zuvor lass ich mir in der Basilika meinen Pilgerpass stempeln. Auf der Straße geht es zunächst nach Saint-Père, wo wir in einem kleinen Museum neben der Kirche Notre Dame eine Jakobus-Skulptur aus dem 13. Jahrhundert vorfinden. Eine Veröffentlichung des Fotos ist uns leider untersagt worden. Die in Stein gehauene Figur ist ein beeindruckendes Zeugnis mittelalterlicher Jakobusfrömmigkeit. Die Spuren der Verwitterung verleihen dem Gesicht etwas Anrührendes und Archaisches zugleich.

 

Allenthalben treffen wir in dem kleinen, nur ein paar Kilometer von Vézelay entfernten Ort Saint-Père auf Malergruppen, die Staffeleien aufgebaut haben, um Motive der dörflichen Idylle auf die Leinwand zu bringen. Nur eine kleine Strecke weiter nach Süden überraschen uns dann Mauerreste einer etwa zweitausend Jahre alten Thermalanlage und Quellumfassungen aus der ersten Bronzezeit.

 

Ankunft in Vézelay

Altstadt Vézelay

 

Sie sind viertausend Jahre alt, bestehen aus mit Feuer ausgehöhlten Eichenstämmen. Das Wasser dieser ehemals keltischen Kultorte ist radioaktiv. Die Gasblasen, die dort immer noch hochsteigen, bestehen aus Helium. Frösche haben sich innerhalb der Umfassungen angesiedelt. Radioaktivität und Helium machen ihnen nichts aus. Sie sind fett und sehen gesund grün aus.

 

Saint-Père

Japanische Malerinnen in Vézelay

 

Am Nachmittag erreichen wir bei Pierre-Perthuis einen vorzüglich ausgeschilderten Jakobsweg, der in die Wälder des Morvan führt. Die Steigungen bereiten bei weitem noch nicht die Strapazen, wie sie etwa in den Pyrenäen und im späteren Verlauf des Weges erwartet werden. Die Landschaft des Morvan ist angenehm, heiter. Immer wieder wird der Blick frei auf sanfte Hügelketten mit weitläufigen Wiesen. Ab und zu taucht überraschend ein Schloss auf, ein einsames herrschaftliches Gehöft, malerisch dann auch ein kleines Dorf, dessen Häuser sich um die Kirche scharen.

 

Der Blick wird beim Wandern frei für das Naheliegende, für Erlebnisse, die man nur auf diese Weise haben kann. Das langsame Tempo eröffnet andere Perspektiven. Es ist schon ein besonderes Farberlebnis, wenn am Wegesrand ein purpurroter Käfer im grünen Gras an blassblauen Blüten entlangläuft.

 

Foissy les Vézelay

Pont romain à Pierre-Perthuis, Bourgogne

 

Am Abend steht für Rüdiger die erste Nacht am Waldrand an. Wir haben einen Platz gefunden auf einer Lichtung, die einen weiten freien Blick nach Westen und Norden erlaubt. Ich hatte das Zelt rasch aufgebaut, ein Kaffee wird gebraut, Baguette und Roquefort schmecken vorzüglich. Später ist dann die Flasche Wein fällig, die Rüdiger von Vézelay mitgeschleppt hatte. So gut ist es mir in noch keinem Luxushotel der Welt gegangen.

 

Dämmerung

 Morgennebel im Morvan

 

Die Sonne geht unter. Zwischen den Wolkenbänken am Horizont färbt sich der Himmel orangerot. Mehr und mehr senkt sich die Dämmerung über das Land, lässt Hügel und Waldsäume nur noch als Silhouetten erahnen. Dann ist es dunkel. Die Wolken haben sich verzogen. Die ersten hellen Punkte tauchen auf. Gegen Mitternacht ist das Firmament von Sternen übersät. Der Große Wagen über uns erlaubt die Orientierung. In der fünffachen Verlängerung der Hinterachse steht der Polarstern, der die Richtung nach Norden angibt. Also ist das Licht ganz weit in der Ferne, tief am Horizont auf einem Hügel, die angestrahlte Basilika Saint-Marie-Madelaine.

 

Es ist eine ruhige Nacht. Ab und zu dringt in den Schlaf hinein der dunkle Ruf eines Kauzes oder das hohe Bellen eines Fuchses. Früh am Morgen stehen wir auf. Durch die Täler weben sich feine Nebelschleier, steigen langsam hoch, werden bald von den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne getroffen. Mit dem Kaffeepulver geht Rüdiger an diesem Morgen verschwenderisch um. Es ist ein dreifacher türkischer Mokka, der da entsteht. Aber der macht wach und wärmt. Ich hatte ein kleines Thermometer am Rucksack hängen. Die Temperatur war auf vier Grad gesunken.

 

Zauberwald im Morvan

Schloss bei Bazoches

 

Nach dem Abbau des Zeltes und dem Packen der Rucksäcke sind wir rasch wieder auf dem Weg. Er führt zunächst durch einen dunklen, verwunschen wirkenden Wald, in dem die Bäume kreuz und quer stehen, als habe sie erst vor kurzem ein Sturm zerbogen und zerzaust. Sich alleine den Weg durch dieses Gestrüpp zu bahnen, da könnte einem schon seltsam werden. Schweigend wandern wir hindurch. Nur das „Tack-Tack“ der Pilgerstöcke ist auf dem mit Steinen übersäten Pfad zu hören. Dann öffnet sich die Welt wieder. Überraschend taucht ein Schloss am Wegrand auf. Von einer Weide kommen Schafe gelaufen, um uns anzublöken.

 

Die Dörfer, die am Weg liegen, sind willkommene Stationen, um den Wasservorrat aufzufrischen und eventuell auch frisches Baguette zu kaufen. Bei Bazoches verlassen wir den offiziellen Jakobsweg, gehen in südöstlicher Richtung nach Lormes. Ich wollte nicht über das mehr westlich liegende Limoges gehen, sondern genau nach Süden, Richtung Le Puy. In Lormes erweisen wir zuerst dem heiligen Jakob, der dort in der Kirche auf einem Gemälde jüngeren Datums dargestellt ist, unsere Referenz und genehmigen uns anschließend in einem marokkanischen Bistro ein Pilgerbierchen. Das Zelt ist dieses Mal auf einem Campingplatz an einem See aufgeschlagen, direkt unter einem Baum.

 

Blick auf Bazoches

Durch die Wälder des Morvan

 

In der Nacht kommt starker Wind auf. Regen trommelt auf das Zeltdach, kleinere Zweige brechen, fallen auf die gestraffte Plane, federn wie von einem Trampolin ins Gras. Der Baumstamm selbst bleibt stehen. Am Morgen wirkt die Nacht wie ein unwirklicher Spuk. Die Sonne strahlt von einem reinblauen Himmel. Es geht jetzt erst einmal weiter westlich nach Brassy. Der Weg führt durch Wald und an Ginsterfeldern vorbei. Es soll eine gemütliche Tagesetappe werden. Zehn Kilometer reichen. Rüdiger tun Muskeln weh, die er vorher noch nicht kannte. Mir machte eine Druckblase am linken Fuß zu schaffen. Sie lässt sich nicht öffnen. Ich muss den Schmerz beim Pilgern hinnehmen, das Gewicht während des Gehens etwas nach rechts verlagern.

 

Brassy ist ein angenehmes kleines Dorf. Wieder eine schöne Kirche und Häuser mit den so typischen blumengeschmückten Fassaden. So klein der Ort auch ist: Eine Boulangerie hat er und auch einen Laden, wo wir uns wieder mit Proviant versorgen können. Dann geht es zum Zelten auf einen einsamen Campingplatz am Rand des Ortes. Kaum ist das Zelt aufgebaut, setzt heftiger, lang anhaltender Regen ein. Es bleibt nichts anderes zu tun, als die Laune der Natur gelassen auszuhalten und den nächsten Tag einfach abzuwarten.

 

Mauerreste eines keltischen Kultortes

Beobachtung am Wegesrand

 

Am nächsten Morgen begleitete Rüdiger mich noch bis zum kleinen Dorf Razou, es liegt ca. 5 km nördlich von Ouroux-en-Morvan entfernt. Die Zeit ist wie im Flug vergangen und der Abschied steht bevor und fällt uns beiden schwer. Es war für uns eine schöne Zeit, vier Tage lang ging es gemeinsam durch den Naturpark Morvan, ein eher unbeschwertes Vagabundentum, dem St. Jacques Sinn und Richtung gegeben hatte.

 

Das stärkste Bild dieser Tage: die Nacht unter Sternen und fern am Horizont die grandiose Basilika Sainte-Marie-Madelaine und dass die Freundschaft zu Rüdiger vertieft wurde, ich bin überzeugt das diese gemeinsamen Tage auf dem Jakobsweg nicht die letzten waren. Im Dorf tranken wir noch einen Wein miteinander und verabschiedeten uns. Er fuhr mit dem Taxi nach Vézelay, denn auf dem Campingplatz stand ja sein Auto. Für mich hieß es wieder, der „Weg ist das Ziel“ oder auch umgekehrt: „Das Ziel ist der Weg“. Der Jakobsweg ist für mich eins der letzten Abenteuer unserer Zeit.

 

Sich für eine lange Zeit von den sogenannten Segnungen der modernen Zivilisation loszureißen, empfinde ich als Befreiung. Der Weg, das Unterwegssein belohnt, beschenkt mit immer neuen Eindrücken und Erfahrungen. Aber auch seelische Tiefs können wie ein Unwetter über einen hereinbrechen und die Pilgerschaft als fragwürdig erscheinen lassen. Solche Momente gehören dazu, auch sie kenne ich, besonders nach einem Abschied von einem guten Freund.

 

Landschaft des Morvan

Lac de Pannecière

 

Mein Weg führte mich wieder alleine über Razou nach Ouroux-en-Morvan, es ging über die einmalige hügelige Bergwelt des Morvan. Mit traumhaften Aussichten über die grüne naturbelassene Landschaft und durch idyllische Täler und Dörfer.

 

Der Kurort Ouroux-en-Morvan liegt auf einer Hochebene über 500m hoch. Auch hier immer wieder herrliche Aussichten auf die ewig grünen Wälder des riesigen Naturparks im Zentralmassiv. Etwas außerhalb der kleinen Gemeinde schlage ich mein Lager auf und übernachte in Gottes freier Natur. Am nächsten Morgen geht es ins Tal, am Ufer des „Lac de Pannecière“ vorbei, ein langgezogener Stausee mit gutem Fischbestand. So mancher Angler macht hier reichlich Beute und wenn er Glück hatte, hing ein riesiger fetter Schuppenkarpfen an seiner Angelschnur.

 

Ich machte eine ausgiebige Rast und genoss die Stille am See. Hier erschließt sich mir eine besondere Welt. Meine Seele liegt da wie ein ruhiger See, in dessen glatter Oberfläche ich mich erkennen kann. Ein leichter Windzug berührt meine Stirn und ich nehme die Gerüche aus dem umliegenden Wäldern war, was für ein Paradies. Eine Weile bleibe ich noch und lausche der Natur, bevor ich mich weiter am westlichen Ufer entlang Richtung Château-Chinon aufmache.

 

Château-Chinon und der heilige Berg der Kelten

 

Nach einiger Zeit erreichte ich das idyllische Dörfchen Corancy, mit seiner schöner Kirche St. Euphrône (Bischof von Autun). Ganz in der Nähe soll die Chapelle de Faubouloin stehen, vor vielen Jahren ereignete sich dort, wo die Kapelle steht, ein Wunder. Waldarbeiter fanden in der Vertiefung einer alten Esche eine Marienstatue, laut Legende ließ sie sich nicht transportieren. Seit dieser Zeit ist dieser Ort eine magische Stätte, nicht nur für die Einheimischen. Ich überlegte mir, ob ich die wundersame Kapelle anschauen sollte, doch leider lag sie nicht in meiner Richtung, es wäre ein Umweg für mich gewesen. So ging ich weiter und erreichte am späten Abend den städtischen Campingplatz in Château-Chinon.

 

Château-Chinon liegt im Département Nièvre und ist eine mittelalterliche Ortschaft inmitten des Naturpark Morvan, gleichzeitig auch Hauptorte der Morvan-Region. Besonders sehenswert der alte Stadtkern mit seinen alten Mauern und der Burgruine. Im 8. Jahrhundert lebten hier auf einer Burg die Chinon-Ritter, sie gehörten dem Templerorden an. Auch Richard Löwenherz soll hier, wie auch sein Bruder Johann Ohneland und dessen Gemahlin Isabella von Angoulême, die Burg bewohnt haben. Der spätere französische Staatspräsident François Mitterrand war von 1959 bis 1981 Bürgermeister der Stadt Château-Chinon. Für mich ein wichtiger Standort um meine Route zum heiligen Berg (Mont Beuvray) der Kelten zu führen. So setzte ich meine Pilgerung fort und ging über die Rue de Bibracte nach La Croix-de-Pré durch Waldwege nach Glux-en-Glenne. Ausgangspunkt der keltischen Siedlung am Mont Beuvray (828m).

 

Mont Beuvray-Chapelle Saint-Martin

Julius Caesar verlieh den Ort seine große Bedeutung, mit seinen Truppen hielt er sich im Winter 52 v. Chr. dort auf und arbeitete an seinem Werk „Bellum Gallicum“. Doch zuvor wurde hier der Fürst der Averner, Vercingetorix auf dem Bibracte zum Führer der gallischen Stämme gewählt, ist jedoch von Caesar bei Alesia besiegt worden. Der Fernwanderweg GR 13 führte mich durch die Ortschaft Glux-en-Glenne und an das Ausgrabungsgelände mit dem Museum (Musée Celtique de Bibracte). Hier fand 1867 Jean Gabriel Bulliot keltische Spuren und die archäologischen Grabungen begannen. Bis heute werden immer wieder neue Funde gesichtet.

 

Jetzt geht es weiter, stetig bergauf, durch die einzigartige Waldlandschaft mit uralten Laubbäumen, die nur wenig Sonnenstrahlen durchlassen, eine mystische Atmosphäre, so kam ich dem Gipfel immer näher und erreichte schließlich die Aussichtsplattform des Mont Beuvray. Einzigartig und traumhaft der weite Blick ins Tal, den südlichen Ausläufer des Morvan, ein Naturerlebnis sondergleichen.

 

Nach einer großen Verschnaufpause setze ich meinen Weg durch den Wald fort, es geht bergab bis zur Landstraße, die nach St-Leger-sous-Beuvray führt. Kurz vor der Ortschaft suchte ich mir eine geeignete Stelle, wo ich übernachten konnte, denn es war schon recht spät geworden. Das Wetter änderte sich plötzlich, Wind kam auf und es fing an zu regnen. Ich schaffte es aber noch trocken ins Zelt zu schlüpfen. Am nächsten Morgen ging es über kleine Landstraßen von St-Leger-sous-Beuvray in südlicher Richtung an den zwei Seen „Etang de Poisson“ und „Etang de Bousson“ vorbei nach St. Didier-sur-Arroux und weiter nach Luzy.

 

Bernd Koldewey: "Aufbruch nach Santiago" - Band II: Von Vézelay bis nach Le Puy-en-Velay, Taschenbuch, Verlag: Books on Demand, Norderstedt, 1. Auflage, Februar 2011, 144 S., 18,90 € - Dieses Buch ist mit zahlreichen Farbabbildungen ausgestattet. ISBN 978-3-8423-1960-8 - Dieses Buch kann ab sofort über den Buchhandel oder über das Internet, beispielsweise bei Amazon.de bestellt werden.

 

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