Mein Freund, der Baum

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Mein Freund, der Baum

Gedanken eines Pilgers

Mein Freund, der Baum

 

Von Bernd Koldewey (Text/Fotos)

 

Mein Freund, der Baum, so hieß einst der Titel, den 1968 die Sängerin Alexandra sang. Im Song geht es um die Verbundenheit von Mensch und Baum, der gefällt wurde und Erinnerungen aus der Kindheit hervorrief. Lange Zeit gab er den Menschen Trost und Halt, eine traurige Geschichte, die sich auch heute noch so zutragen kann.

 

Mit Bäumen sprechen, kann man das überhaupt? Ich tat es, wie soll ich sagen, ich war überwältigt. Wer hat nicht schon mal einen Baum umarmt und mit ihm leise gesprochen. Im heimischen Schlosspark suchte ich mir einen Baum aus und wurde sozusagen Pate.

 

Jetzt im Winter schien mir der richtige Zeitpunkt für meine außergewöhnliche Patenschaft zu sein. Im Schlosspark Strünkede suchte ich mir einen Baum aus und setzte mich auf einer Bank, die in unmittelbarer Nähe stand. Ich schaute auf meinen ausgesuchten Freund und betrachtete sein karges Geäst. Er schien kränklich zu sein, ein paar Äste waren schon abgestorben, dennoch war er von nun an mein Baum. Von den vielen Bäumen im Park, die allesamt kräftiger und gesünder aussahen als er, war dieser doch für mich einzigartig. Er hatte schon einige Jahre hinter sich und man sah, dass seine Zeit womöglich gekommen ist. Bei den städtischen Bäumen ist es so, dass sie markiert werden, wenn sie gefällt und durch neue Bäume ersetzt werden. Doch dieser Baum hatte noch keine Markierung und ich gehe davon aus, dass er noch einige Jahre vor sich hat. So hoffe ich, dass mein neuer Freund im Frühling sein Blattwerk neu entfalten kann.

 

So saß ich ihm gegenüber und grübelte über mein eigenes Dasein. Auch ich habe einige Jahre auf dem Buckel und ein paar Äste sind auch schon morsch. Doch hoffe ich, genau wie mein ausgesuchter Baum, dass der baldige Frühling mir ebenso neue Kraft beschert.

 

 

Schon bei den alten Germanen, Kelten und Sachsen wurden Bäume als Heiligtum verehrt. Ihre Verehrung und Baumkultur ging sogar so weit, dass ganze Stämme mit Baumarten in Verbindung gebracht wurden wie z.B. bei den Eburovicen, die nach dem keltischen „eburos“, der Eibe oder der Eberesche benannt wurden. Auch bei den Arverner, in der heutigen französischen Region Auvergne, verbindet man die Worte „ar“ und „verne“ ("Hohe erle") mit dem Erlenbaum. Ihre Priester nannte man Druiden, die Eichenkundigen. In vielen Mythen werden den Bäumen heilsame Kräfte vorhergesagt. Wie die Mistel, ein Gewächs, das sich den Baum als Wirt aussucht, bevorzugter Weise die Baumkronen der Eiche. Sie galt bei den Druiden und den Kelten als die alles Heilende. Damals war der Mistelkult weit verbreitet. Auch bei den Sachsen gab es einen starken Bezug zur Natur, so könnte ihr Heiligtum, die „Irminsul“, eine alte Eiche gewesen sein. Bis heute entdeckt und sieht man in so manchen Baumarten die Herrlichkeit der Kraft der Natur, die uns Menschen immer wieder verzaubert. So liegt es doch offensichtlich auf der Hand, dass man mit ihnen auch sprechen und kommunizieren kann. Jeder Baum hat seinen eigenen Charakter und symbolisiert Lebenskraft, Weisheit, Ruhe, Erholung und Schutz.

 

Ein neuer Tag und der Baum erwacht.

 

Ein neuer Tag und der Baum erwacht. So beginnt meine kleine Geschichte über einen Baum, der schon lange Zeit mitten unter uns Menschen weilt. Er, der schon mehr als ein Menschenleben hinter sich hat, erzählt seine Eindrücke eines einzigen Tages.

 

An einem schönen Frühlingstag erwachte ich, mitten in meinem schönen Schlosspark, hier lebe ich nun schon seit über hundert Jahren. Mit vielen Gleichgesinnten beginnt für mich ein neuer Tag. Gerade ist die Sonne aufgegangen und ihre ersten Strahlen berühren mein dichtes und gut ausgebautes Blattwerk. Auch für mich, gerade jetzt im Frühling, sind das Licht und die Wärme der Sonne sehr wichtig. Über mein starkes Geäst mit vielen saftigen grünen Blättern, baue ich über die Blüten meine neuen Lebensfrüchte aus. Das Licht der Sonne gibt mir genügend Energie und Kraft, um mein Leben fortzusetzen. Auch meine lieben Mitbewohner, die Vögel, partizipieren im Verborgenen von meinem neu geschaffenen Lebensraum. Für viele von ihnen ist der Nestbau in vollem Gange und auch schon abgeschlossen, sie haben sich heimisch eingerichtet.

 

 

Auf mehreren Etagen, ja sogar bis zur Baumkrone hin, biete ich ihnen ausreichend Platz, sich ihre kunstvollen Nester zu bauen. Hier können sie ihren Zuwachs, den Jungvögeln, genügend Sicherheit bieten. Die Nester sind für die gerade geschlüpften Vögel Wohnstube und Kinderzimmer zugleich. Hier werden sie von ihren Eltern gefüttert und schlafen auch hier in deren Obhut. Jetzt am frühen Morgen erwacht der Park unter den lautstarken Gesängen der Alt- und Jungvögel. Ein Rhythmus und Tagesablauf, der sich jeden Tag aufs Neue wiederholt. Ja, ganze Vogelkolonien brüten und leben hier im Park und auf meinem Baum, der Kreislauf des Lebens beginnt, auch bei mir. Eine Symbiose, die für eine gesunde Artenvielfalt und das Miteinander steht und zugleich auch fördert.

 

In meinen kleinen Baumhöhlen und Unterschlüpfen, die der Specht geschaffen hat, leben auch unzählige andere Arten von Waldtieren. So finden auch Eichhörnchen und Baummarder hier ihren Lebensraum. Der eine jagt und der andere sucht bei mir den nötigen Schutz, doch nicht immer kann ich diesen geben, denn ich bin ja nur ein Baum. Mein Leben führe ich in aller Stille, ich bin geduldig, ausdauernd und muss die Zeit des Jahres über mich ergehen lassen. Dennoch gebe ich viel und bekomme auch einiges zurück. Mir zu Füßen bilden sich nicht nur kleine Flechten und Moose, auch ganze Pilzkulturen suchen meine Nähe. Ich spende Sauerstoff, verbrauche Kohlendioxid und Schadstoffe, die den Menschen schaden können. Auch der Mensch besucht mich, manche von ihnen nehmen mich wahr und andere wiederum schauen mich gar nicht erst an. Sie joggen mit dem Blick auf den Boden gerichtet durch den Park und atmen meine täglich frisch produzierte Luft ein.

 

 

Doch dann gibt es auch die Menschen, die mit mir kommunizieren wollen. Sie suchen in meiner Nähe Schutz, reden oder flüstern mit mir und erzählen mir ihre Sorgen. Es sind einfühlsame Menschen, die mit der Natur im Einklang leben wollen. Von ihnen werde ich manchmal berührt und umarmt. Sie sitzen mir sozusagen zu Füßen und berühren mit ihren Rücken die alte Rinde am meinem Baumstamm. Sie blicken hinauf in das Dickicht der Krone und lauschen dem Gesang der Vögel. Eine für beide Seiten wohltuende Lebensweise, die auch mir gut tut. Denn ich bin ein Baum und ich lebe.

 

Indianische Weisheiten: „Weißt du, dass die Bäume reden? Ja, sie reden. Sie sprechen miteinander, und sie sprechen zu dir, wenn du zuhörst. Aber die weißen Menschen hören nicht zu. Sie haben es nie der Mühe wert gefunden, uns Indianer anzuhören, und ich fürchte, sie werden auch auf die anderen Stimmen in der Natur nicht hören. Ich selbst habe viel von den Bäumen erfahren: manchmal etwas über das Wetter, manchmal über Tiere, manchmal über den Großen Geist.“ (Tatanga Mani, Stoney)

 

Buen Camino!

 

Herne, März 2016

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