Fernweh

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Fernweh – Sehnsucht nach der Ferne

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Buen Camino!

Gedanken eines Pilgers

Fernweh – Sehnsucht nach der Ferne

 

Von Bernd Koldewey (Text/Fotos)

 

In die Ferne will ich schweifen und dabei den Horizont berühren. So oder so ähnlich könnte sich das Fernweh ausdrücken. Was macht die Sehnsucht nach der Ferne mit einem Menschen? Spürt man hier eine göttliche Sehnsucht nach Transzendenz oder ist es nur eine Traumvision? Oder eher nur die Flucht aus den Zwängen der Gesellschaft?

 

Wer hatte nicht schon mal seine Gedanken schweifen lassen und sich zumindest in seinen Träumen nach fernen Ländern gesehnt. Ein starkes Freiheitsgefühl und innerlicher Drang, das einem mit rasendem Herzklopfen begegnen kann. Schon seit Menschengedenken gibt es diese Art von Sehnsucht und Aufbruchstimmung. Fernweh ist genau wie Heimweh ein innerlicher Ausdruck und ein sinnliches Gefühl von Sehnsucht. Nur im Gegenteil zum Heimweh ist man hier bereit zum Loslassen, eine völlig andere Suche, sich aufzumachen um neue Ufer zu entdecken. Das Phänomen „Fernweh“ gibt es aber schon seit Tausenden von Jahren. Für die Romantiker unter uns ist es ein Gefühl, wie nach den Sternen zu greifen. Einmal über den Tellerrand blicken und nicht zu wissen, was einen in der Fremde erwartet, kann befreiend sein. Nicht planen und das Unbekannte auf sich zukommen zu lassen, spontane Entscheidungen zu treffen, bedeutet vielleicht auch etwas mehr Freiheit zu haben.

 

Nur, was ist eigentlich Fernweh? Was zieht uns Menschen hinaus in die Ferne? Ist es eine ewige Suche nach der reinen Wahrheit, nach Antworten auf unsere vielen Fragen, die sich mit dem Sinn des Lebens beschäftigen? Die hier im Artikel aufgeführten Menschen aus den verschieden Kategorien und Gruppierungen sind nur ein kleiner Bruchteil von denen, die sich seit Menschheitsgedenken aufgemacht haben, um in der Ferne nach Antworten zu suchen.

 

Öffnen wir mit dem Wunsch nach der Ferne ein Tor, das auch unsere eigene Vergangenheit durchleuchtet? Ist es ein Weg, der uns mit Wehmut und Demut berührt und einhergeht? Ein Gefühl von Traurigkeit und Lust, das uns neugierig macht und uns suchen lässt? Es sind so viele Fragen nach dem Wieso, Warum und Weshalb, die sich wahrscheinlich nie beantworten lassen. Dennoch machen sich Tausende von Menschen auf der ganzen Welt auf die Suche.

 

 

Missionare und Pilger

 

Seit Tausenden von Jahren gibt es die Tradition der Pilgerschaft und Missionare, die die Welt bereisten. Das Leben in der Fremde war für sie nicht ein reines Abenteuer, sondern überwiegend eine große religiöse und christliche Mission. Sie bereisten ferne Länder und abgelegene Orte und verkündeten die Heilslehre Jesu Christi. Angefangen mit den großen biblischen Propheten wie Abraham und Moses bis hin zu Jesus und seinen Jüngern, den 12 Aposteln. Ihr Antrieb war nicht die Sehnsucht nach der Ferne, sie verkündeten die Botschaft der göttlichen Offenbarung. Das Martyrium der Apostel zeigt auf, wie schwierig es war, den Glauben in die damalige Welt zu tragen. Viele Missionare nach ihnen, die seit dem frühen Mittelalter in Europa aufbrachen, um das Christentum zu verkünden, folgten dem Weg des Evangeliums. Gefolgt von den vielen katholischen und evangelischen Missionaren, die bis in unsere Zeit hinein die Menschen auf der ganzen Welt missionierten. Darunter der Spanier und selig und heilig gesprochene Francisco de Xavier (1506-1552), der in Asien, vor allem in Indien und Japan, missionierte und christliche Gemeinden gegründet hatte. Oder der schottische Missionar und Afrikaforscher David Livingstone und John Eliot, der als der Apostel der Indianer bekannt wurde, ebenso der Deutsche Moritz Bräuninger, ein evangelischer Märtyrer, der auf seiner Reise über den Missouri, die Ureinwohner Amerikas bekehrte und dabei auf abenteuerliche Weise ums Leben kam. Die Liste derer ließe sich unendlich fortsetzen. Es zeigt, mit welcher Leidenschaft und Berufung sie die missionarische Tätigkeit ausführten.

 

Auch in der Pilgerschaft gibt es unzählige Menschen, die mit Leib und Seele die Ferne suchten. Vor allem in der Zeit der Kreuzfahrer machten sich viele Pilger auf den Weg nach Rom und ins Heilige Land nach Jerusalem. Auch der spanische Wallfahrtsort Santiago de Compostela, wo sich das Grab des Apostels Jakobus befindet, wurde aufgesucht. So gibt es viele bekannte Pilger, die uns ihre Pilgerreise in vielen detaillierten Berichten näher gebracht haben. Darunter war Bernhard von Breydenbach, er begleitete damals den Graf Johann zu Solms auf seiner Pilgerreise nach Jerusalem. Auch der Ulmer Dominikaner Felix Fabri, der Konstanzer Patrizier Konrad Grünemberg und der Ritter Arnold von Harff, die ebenfalls zum Ende des Mittelalters ins Heilige Land pilgerten. Eine Pilgerschaft im Namen „Peregrinatio religiosa“ bedeutet soviel wie: Ein religiöses Unterwegssein, ein Leben in der Fremde mit Gott. Jerusalempilger erkannte man am mitgebrachten Palmenzweig. Rompilger hatten als ein Pilgerzeichen den Petrusschlüssel oder das Kreuz. Der Jakobspilger wird im spanischen „Peregrino“ genannt, ein Fremder, der nach Santiago de Compostela pilgert und über Äcker und Felder kommt. Als Pilgerzeichen dient bis heute die Jakobsmuschel. Alle Symbole wie Pilgertasche, Hut und Stab sind besondere Zeichen der Ehrerbietung der Wallfahrt und des Weges zu den Heiligen.

 

Ritterfahrt und Gralssuche

 

Die Sehnsucht nach der Ferne wurde auch schon in vielen Dramen und Epen der Antike beschrieben. Der griechische Dichter Homer erzählt in der Ilias und der Odyssee von der mythischen Geschichte des Trojanischen Krieges und über die Reise des Königs Odysseus, der eine zehnjährige Irrfahrt auf seiner Heimreise erlebt hatte. Auch das Mittelalter überlieferte sagenhafte Geschichten zum Thema Fernweh. Die Gralssuche von Wolfram von Eschenbachs „Parzival“ ist wohl eine der bekanntesten epischen Erzählungen. Und auch in den romantischen Opern von Richard Wagners „Lohengrin“ und „Tannhäuser“ spiegelt sich der Drang des Fernwehs der Helden wider. Es geht um Aufbruchstimmung, Befreiung, Sehnsüchte, Heldentum, Abenteuer, Ritterschaft und Liebe. Ebenso in dem Heldenepos der sagenhaften Artusritterschaft von Parzival und Gawain. Parzival, der wohlbehütete, der fernab von Gefahren aufwuchs und dennoch zum Rittertum kam, machte sich auf die Suche nach dem Heiligen Gral und wurde schließlich Gralskönig. Sowie der Sagenheld Gawain, der Neffe Artus, dessen Mut und Tatendrang ihm schon in der Wiege lag, er war der edelste Ritter der Tafelrunde. Auch die Geschichte um Lancelot, dem durch die ehebrecherische Liebe zu Guinevere, die Frau des Königs Artus, die Suche nach dem Heiligen Gral verweigert wurde, gehört auch mit zu den bekanntesten Darstellungen des Rittertums der Artussagen.

 

 

All diese Legenden und Sagen verkörpern unter anderem die Sehnsucht von Männern nach der Ferne. Im Mittelalter nannte man die Suche nach abenteuerlichen Bewährungsproben eine Ritterfahrt, Questen oder Âventiure-Fahrt (Abenteuer-Fahrt). Im Rittertum gab es viele adlige Ritter, die geplagt und getrieben von Fernweh und trotz der Liebe zu ihren Frauen auf ruhmreiche abenteuerliche Reisen gingen. In einer Nacht und Nebelaktion, vielleicht noch einen liebevollen Abschiedsbrief hinterlassend, verließen sie Hals über Kopf ihr trautes Heim und ihre geliebten Frauen. Ein dramatisches Fortgehen, das sicherlich nicht nur für die zurückgelassenen Frauen eine leidvolle Prüfung und Erfahrung war. Der Drang der Männer nach Abenteuer, Ruhm und Ehre war zu groß. Hätten sie mit ihren Frauen darüber reden sollen? Die Sorge darüber, ihre Frauen könnten sie zum Bleiben bewegen, veranlasste sie zur spontanen Flucht. In vielen mittelalterlichen Dichtungen werden die Handlungen des Fortgehens und des Verlassens der Liebsten von Minnesängern (Trobardors) besungen. Eine Entschlossenheit aus Liebe zum Heldentum, Abenteuerlust und neuen Herausforderungen. Natürlich spielte die Liebe eine große Rolle, einige von ihnen kehrten auch nach bestandenen Prüfungen zu ihren geliebten Frauen zurück. Und wieder andere erlebten Irrfahrten oder verloren bei einer Schlacht ihr Leben.

 

Im Hochmittelalter schien das alles normal gewesen zu sein. Auf der einen Seite gab es die moralische Ordnung der höfischen Gesellschaft des Hochadels mit seinem sozialen und zivilen Verhalten. Und auf der anderen Seite das glorreiche Rittertum, mit dem Drang nach Freiheit, Abenteuer und neuen Erkenntnissen. Über die vielen Heldentaten, die Kampfeslust mit Gleichgesinnten, Turniere (Wettkämpfe) und die Fabelwesen wie z.B. Riesen, Drachen, Feen und Zauberern, erzählt man in vielen sagenhaften Ritter-Romanen. Um ein wahrer Held zu werden, mussten Ritter auch viele Irrwege in Kauf nehmen. Doch die Zeiten des Rittertums und der Ritter ohne Furcht und Tadel starb zum Ende des 15. Jahrhunderts aus. Die letzten unter ihnen waren Raubritter und kämpften ums nackte Überleben.

 

 

Entdecker, Seefahrer, Freibeuter und Abenteuer

 

Auch nach dem Rittertum gab es weiterhin Zeiten nach der Ferne zu streben. Nun waren es die Entdecker, die voller Eifer fremde Länder und Kulturen erkundschafteten, darunter Freibeuter, Seefahrer, Landvermesser und Forscher. Die Welt musste neu ausgerichtet werden. Etwa 300 Jahre lang dauerten die abenteuerlichen Reisen in einer völlig neuen Welt. Kontinente wurden entdeckt und viele neue Kolonien wurden gegründet. Ohne den mutigen Abenteuerdrang und die Reisen der Entdecker und Forscher, deren unstillbares Verlangen nach der Ferne und dem Neuen und dem Unbekannten wäre unsere Welt vielleicht schon am Ende gewesen. Doch durch die neuen Errungenschaften von neuen Kontinenten und Ländern hatte man neue Möglichkeiten, die Menschen konnten sich weiter ausbreiten. Einer der ersten europäischen Entdecker war wohl Leif Eriksson, der Glückliche“, der Sohn Eriks des Roten, der schon um das Jahr 1000 von Grönland aufbrach und auf seiner Entdeckungsreise die nordamerikanische Küste (Vinland) ereichte. Einige Jahrhunderte später war es Christoph Kolumbus, er landete mit seinen 3 Schiffen am 12. Oktober 1492 auf Guanahani (San Salvador), eine der heutigen Bahamainseln. Aber auch schon viele Seefahrer vor ihm und nach ihm, entdeckten und eroberten auf ihren abenteuerlichen Fahrten auf den Weltmeeren, neue Kontinente. Meistens waren es Europäer wie Portugiesen, Spanier, Italiener, Niederländer, Engländer und Deutsche, die den Mut hatten, das Fremde und Unbekannte zu erkunden.

 

Auch heute noch kann man einiges entdecken und Abenteuer erfahren. Es ist auch keine reine Männerdomäne mehr. Im Zeitalter der Computer- und Videospiele wie das der fiktiven Lara Croft, bewies die amerikanische Abenteuerin und Reiseschriftstellerin Kira Salak, übrigens wurde sie in der New York Times als die echte Lara Croft bezeichnet, was Frauenpower bedeutet. Sie bereiste und durchquerte alleine Mali und Papua-Neuguinea.

 

Kaufleute, Händler, Forscher und Ausgräber

 

Was wären wir ohne Marco Polo, der auf seinen Handelsreisen von Italien nach China aufbrach, um mit dem Herrscher des Mongolenreichs, Dschingis Khan, regen Handel zu betreiben. Der Ost-West Handel, zwischen China und Europa, nahm seinen Lauf, die Seidenstraße wurde entdeckt. Waren wurden ausgetauscht und neue Produkte wie exotische Gewürze und Seide, nach Europa gebracht. Später eroberten auch europäische Handelsschiffe die Weltmeere. Das 19./ 20. Jahrhundert war geprägt durch archäologische Ausgrabungen, Forscher und Archäologen entdeckten die alten Stätten der Antike und die Neue Welt, ein Wettlauf der Kolonialmächte begann. Auch das Deutsche Kaiserreich unter Kaiser Wilhelm II. beteiligte sich. Zu erwähnen sind hier die drei großen Naturforscher Charles Darwin (Evolutionstheorie), Georg Forster und Alexander von Humboldt, ihre Reisen brachten nicht nur neue Erkenntnisse in der Länder- und Völkerkunde, auch ihre Reiseberichte faszinierten die Menschen. Forster nahm z.B. an der zweiten Weltumsegelung (1772-1775) von James Cook teil. Sie erreichten die Südsee und Neuseeland, eine faszinierende Reise um die Welt nahm ihren Lauf. Auch Alexander von Humboldt reiste viel und weit, er überquerte den Atlantik und forschte in Mittelamerika. Oder der schwedische Entdeckungsreisende Sven Hedin, der in 3 Expeditionen Zentralasien bereiste und das Land erforschte. Es ist schon wirklich ein Phänomen, das neben den neuen Erkenntnissen von Kulturen, Bräuchen, Sitten und Religionen, auch mit dem modernen Begriff und dem Gefühl des „Fernwehs“ zu tun hat. Die unendlichen Geschichten und historischen Ereignisse verbinden die Menschen bis in unsere Zeit hinein sowie mit der Alten und Neuen Welt.

 

 

Auch Ausgräber und Schatzsucher bereisten einst die Welt. Die Archäologie war noch bis zum Beginn des 19. Jahrhundert eine echte Pionierarbeit und wurde immer mehr dank der modernen und systematischen Forschungen zur Wissenschaft erklärt, einer sogenannten Spatenwissenschaft. Man forschte und suchte nicht nur nach untergegangenen Kulturen, sondern brachte auch das geschichtliche Verständnis dafür auf. Immer mehr entschlüsselte man die rätselhafte Vergangenheit, die uns aus der Ur- und Frühgeschichte hinterlassen wurde. Unzählige Funde wie das Grab des Tutanchamun, entdeckt von Howard Carter (1873–1939), Heinrich Schliemann entdeckte das antike Troja und den Schatz des Priamos, oder das von Robert Koldewey wiederentdeckte Babylon, den Turmbau zu Babel und das Ischta-Tor, um nur einige große Ausgrabungen zu nennen. Dank der vielen Archäologen und deren abenteuerlichen Entdeckungen wurde uns die alte Welt mit all ihren wunderbaren Schätzen und geheimnisvollen Geschichten näher gebracht. Selbst in den Verfilmungen wie die des „Lawrence von Arabien“ und „Indiana Jones“ spürt man bis heute die anhaltende Faszination der Fremde und der Ferne der weiten Welt.

 

Auch hier zeigt es sich wieder einmal, dass das „Fernweh“ nicht krank macht, sondern im Gegenteil in uns eine Sehnsucht freilegt, die uns wahrscheinlich angeboren ist. Nur das Umsetzen dieses himmlischen Gefühls von Sehnsucht ist heute nicht mehr ganz so einfach. Man müsste sich frei machen von den Zwängen und auch noch etwas Mut besitzen. Denn lohnenswert ist es allemal. Auch heute noch kann man viel Gutes und Schönes im Leben entdecken. Vorausgesetzt man verabschiedet sich ein wenig vom reinen materiellen Denken und erhofft sich keine Supergewinne. Hier kommen mir die grandiosen Wortbegriffe des Theodor Fontane in den Sinn, „Elfenbeinturmgelehrsamkeit“ und „Geldsackgesinnung“, diese hervorragende Darstellung einer Gesellschaftsform liest man im gesellschaftskritischen Roman „Frau Jenny Treibel oder „Wo sich Herz zum Herzen find’t“. Fontane nennt in seinem Roman gewisse Personen, die der Gesellschaft des Großbürgertums (Bourgeoisie) des 19. Jahrhunderts angehören. Die gehobene Gesellschaft, die nach immer mehr strebt, gehörte damals der herrschenden Klasse der kapitalistischen Gesellschaft an. Auch heute, im 21. Jahrhundert, lassen sich Verbindungen und Ähnlichkeiten zu dieser turbulenten Zeit erkennen.

 

Schriftsteller, Dichter und Philosophen

 

Ebenso gingen Schriftsteller, Dichter und Philosophen auf Reisen. Sie machten sich auf die Suche, um ihre Art von Ferne zu entdecken. Zum Ende des 18. Jahrhundert begann die Zeit der Romantik, eine Epoche, die Philosophie, Literatur und Naturwissenschaft auf gewisse Weise vereinte. Neue Impulse: Denken mit Gefühl und Wahrnehmung, Poesie, Sinnlichkeit und das Erleben des Unterbewusstseins, standen hier im Vordergrund. Eine neue Bewegung, die gegen das nur rational-wissenschaftliche Denken der reinen Vernunft war. Sie entstand in der Zeit der Aufklärung, Klassik und Idealismus, eine neue Epoche der Sturm- und Drangzeit (1760-1787) begann. Natürlich muss man hier auch den Dichter Johann Wolfgang von Goethe erwähnen. Zwar bezeichnet er sich nicht als Romantiker, da für ihn die Romantik eine Krankheit sei und die Klassik verkörpert die Gesundheit. Doch seine Italienreisen und viele seiner Dichtungen, die alle klassischen literarischen Zeiten prägten und in der er gelebt hatte, zeigen aber auch eine andere Seite von Goethe. Denker der zeitgenössischen Romantik waren unter anderem Joseph von Eichendorff, Novalis, Clemens Brentano, Heinrich Heine und Friedrich Hölderlin. Das 19. Jahrhundert stand im Zeichen des Um- und Aufbruchs. Viele haben sich bewusst auf den Weg gemacht, um das Verständnis für das neue Bürgertum, für Reisen, Natur und Kunst, neu zu definieren und darzustellen. Ab dem 20. Jahrhundert war auch das Reisen für alle Bürger möglich. Doch der 1. Weltkrieg brachte die neu gewonnene Hoffnung wieder zum Einsturz.

 

 

Joseph von Eichendorff (1788-1857), der selbst viel gereist ist, beschreibt in seiner Novelle „Aus dem Leben eines Taugenichts“ eine fantastische Reise eines Müllersohns. Dieser wird von seinem Vater, der ihn als Taugenichts darstellt, da er den ganzen Tag nur verschläft und nicht Arbeit will, in die weite Welt geschickt. Der Junge verlässt frohen Mutes sein trautes Heim und die für ihn langweilige Bürgerlichkeit und erhofft sich neues Glück im Unterwegssein zu finden. Voller Tatendrang verlässt er sich auf sein Bauchgefühl und lässt sich einfach treiben. Der Drang nach Freiheit, Abenteuerlust und dem Neuem lässt ihn stetig vorwärts kommen. Auf den vielen Stationen seiner Wanderschaft, die ihn nach Rom führte, begegnet er einigen Menschen aus unterschiedlichen Kreisen. Er verliebt sich, er bekommt Heimweh, er muss einigen Verlockungen widerstehen und wird seine große Liebe finden. Doch am Ende zieht es ihn wieder hinaus in die weite Welt. Joseph von Eichendorff erzählt in seiner Geschichte, die sich auch heute noch so zutragen könnte, über die Sehnsucht des Fernwehs und die Loslösung von einer braven und gutbürgerlichen Gesellschaft. Auch heute noch wird man schnell zum „Taugenichts“ erklärt und charakterisiert, wenn man anders denkt als die Anderen und sich nicht der allgemeinen Norm der Gesellschaft anpasst. Eichendorf verfasste auch mit seinem schönen Gedicht „Die Blaue Blume“ die leidenschaftliche Suche nach dem Sinn des Lebens, eine unendliche Reise, die niemals enden wird.

 

Die blaue Blume

 

Ich suche die blaue Blume,

Ich suche und finde sie nie,

Mir träumt, dass in der Blume

Mein gutes Glück mir blüh.

 

Ich wandre mit meiner Harfe

Durch Länder, Städt und Au'n,

Ob nirgends in der Runde

Die blaue Blume zu schaun.

 

Ich wandre schon seit lange,

Hab lang gehofft, vertraut,

Doch ach, noch nirgends hab ich

Die blaue Blum geschaut.

 

Joseph von Eichendorff (1818)

 

Novalis (1772-1801), eigentlich Georg Philipp Friedrich Leopold Freiherr von Hardenberg, schreibt in seinem Romanfragment „Heinrich von Ofterdingen“, dessen „blaue Blume der Romantik“ die literarische Ursprungsquelle ist, die Geschichte des jungen Heinrich. Dieser träumt von einer blauen Blume, in deren Blütenkelch er ein weibliches Gesicht sieht. Er bekommt Sehnsucht nach der Fremden und nach der Ferne und eine märchenhafte Reise beginnt. In der Romantik wurde die blaue Blume ein Symbol für Sehnsucht, Liebe und das geheimnisvolle Streben nach der Unendlichkeit. Ferner wurde es auch ein Symbol für die Wanderschaft und die Sehnsucht nach der Ferne. Ein fantastisches Werk der Frühromantik, das so viele Schriftsteller in ihren Bann zog. Natürlich muss man auch hier Frauen nennen, die in der damaligen Zeit ebenso wie die Männer ihre literarischen Verdienste hatten. Darunter waren Persönlichkeiten wie: Sophie Albrecht (1757-1840), Schauspielerin und Dichterin, Engel Christine Westphalen (1758-1840), Schriftstellerin und Dichterin, Karoline von Günderrode (1780-1806), Dichterin der Romantik, Caroline Schlegel (1763-1806) und Dorothea Schlegel (1764-1839), Schriftstellerinnen der Romantik, Sophie Mereau (1770-1806), Schriftstellerin der Romantik, Bettina von Arnim-Brentano (1785-1859), Schriftstellerin der Romantik und Schriftstellerin Henriette Herz und viele mehr.

 

 

 

Der Begriff „Fernweh“ ist zwar ein neuzeitlicher Ausdruck, er macht uns aber sehr deutlich, dass das Reisen und die Sehnsucht nach der Ferne bis heute anhält. Im Laufe von Hunderten von Jahren entstanden unterschiedliche Arten des Reisens wie z.B. Bildungs-, Gelehrten- und Künstlerreisen, Grand Tour, Kavaliersreisen, Kunst-Reisen und Romantische Reisen, die uns bis hin zum modernen Massen-Tourismus führten. Doch abgesehen vom Massen-Tourismus ist die Sehnsucht nach der Ferne nach wie vor ein Phänomen und eine respektvolle Art einer besonderen Weltanschauung. Wer Fernweh verspürt, weiß auch, was Heimat ist.

 

Buen Camino!

 

Herne, Dezember 2014

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